Fagaceae
Castanea
Castanea sativa MILL.
Castanea castanea (L.) H.KARST., Castanea fastigiata BRIOT, Castanea prolifera (K.KOCH) HICKEL, Castanea sativa var. typica SEEMEN, Castanea vesca GAERTN., Castanea vulgaris LAM., Fagus castanea L., Fagus procera SALISB.
Kastanie
Esskastanie
Castagno (ital.), Castagno comune (ital.), Castano (span.), Chataignier (franz.), Châtaignier cultivé (franz.), Chestnut (engl.), Common chestnut (engl.), Echte Kastanie (ger.), Edel-Kastanie (ger.), Edelkastanie (ger.), Kaesten (ger.), Marone (ger.), Maroni (ger.), Marroni (swiss, ital.), Spanish chestnut (engl.), Sweet chestnut (engl.)
mediterranes Klima [24][25], submediterranes Klima [25], subkontinentales Klima [25], submeridionales Klima [25], meridionales Klima [25], gemäßigtes Klima [24][25], nördlich-gemäßigtes Klima [25], ozeanisches Klima [24], atlantisches Klima [25], subatlantisches Klima [25], boreales Klima [25], subtropisches Klima [25], tropisches Klima [25], Weinbauklima [14], warmes Klima [25]
Gebirge (kolline-(montane) Stufe) [35], Gebirge (submontane Stufe) [24], Gebirge (Höhe bis 1000 m) [24], Gebirge (Höhe bis 1500 m) [24], Gebirge (Höhe bis 1600 m) [24], Gebrige (höhe bis 1800 m) [24], Flachland (Tiefland) [35], warme Täler der Weinbaugebiete [14], Wälder (Laub- und Nadelmischwald) [4], Wälder (sommergrün) [4], Wälder (Eichenwälder) [15], Parkanlagen [15][24], Weinbaugebiete [14][24]
warmer Standort [14][24], Jahresmitteltemperatur 8-15 °C und im Januar >-1 °C [24][24], frischer/ mesophiler Standort (Niederschläge zwischen 600-1600 mm/Jahr) [24][25], lichter Standort [24], sonnig bis halbschattiger Standort [14][25], halbschattiger Standort [25], Vorsicht (niedrige Temperaturen im Herbst können die Früchte schädigen) [24]
guter Boden [14], frischer Boden [24], lockerer Boden [24], tiefgründiger Boden [24], Bedarf (Kalium, Phosphor) [24], pH 4,5-6,0 [24], basenarmer boden [25], kalkfreier Boden [24], Kalkgehalt <20 % [24], stark verwitterter Boden [24], Vulkanischer Boden (phosphorreich) [24], Vorsicht (keine Staunässe, keine Trockenheit, kein verdichteter Boden, kein tonreicher Boden) [24]
4: mäßig selten, d.h. in etwa 10% der Felder [21]
4: meist gruppiert, zwischen 3 und 5 vermittelnd [21]
[++] Volksmed. (Blattaufguss):
[++] Volksmed. (Früchte):
[+] Volksmed. (Blatt- und Rindenextrakte):
[+] Volksmed. (Blattextrakte, Blätteraufguss):
[+] Volksmed. (Blätterabkochung):
[+] Volksmed. (Früchte):
[EbM/Volksmed.]:
[Volksmed.]:
[Hom]:
[Essbare Wildpflanze]: Geschälte Kastanien vor dem Essen kochen, dünsten oder rösten [14]; die rohen Früchte sind zwar essbar, haben aber eine adstringierende Schale, die im feuchten Zustand unangenehm zu essen ist. Auch nach längerem Trocknen verliert die dünne Schale ihre Adstringenz, lässt sich aber dennoch besser entfernen, um an die darunter liegenden weißen Früchte zu gelangen. Trockenes Kochen im Ofen oder am Feuer hilft normalerweise dabei, diese Haut zu entfernen [24]
[Fruchtpflanze]: Geröstete Früchte werden als "Maronen"/"Heiße Maroni" auch außerhalb der Anbaugebiete v.a. im Winter auf Straßen verkauft [4][18][24]. Maronen haben einen zart süßen, nussigen und etwas mehligen Geschmack [24]
[Futterpflanze]: Kastanien werden traditionell (besonders in Spanien, Süditalien und auf Korsika) zur Schweinemast verwendet. Aus den derart gefütterten Schweinen wird vorwiegend Schinken und Salami hergestellt [24]
[Lebensmittelpflanze]:
Gebratene Maronen traditionell auf Straßen, Märkten und Jahrmärkten von Straßenhändlern mit mobilen oder statischen Kohlenbecken verkauft [24]
Ganze geschälte Kastanien gekocht oder geröstet als Beilage oder als Salatzutat zu Gemüse- oder Fleischgerichten (Huhn, Truthahn, Schwein, Gans, Hase) gereicht oder als Füllung von Geflügel, zu Reis gepresst, als Gemüse oder in Nussbraten verwendet. Kastanien werden v.a. in Frankreich zum Kochen im Haushalt verwendet [14][24]
Maronen können auch in Wasser oder Alkohol eingelegt, trocken- oder vakuumverpackt, tiefgefroren oder in Zuckersirup eingelegt sein [24]
Große kandierte Maroni (55 bis 65 Stück je kg) [24]
Geschälte Maroni zu Kastanienpüree verarbeitet [24]
Kastanienmehl wird aus getrockneten und geschälten Maronen hergestellt und meist mehrfach gemahlen. Es wird in der italienischen Küche verwendet [4][18] und zu Gnocchi, Pasta, Brot, Polenta und Gebäck verarbeitet [24]. Kastanienmehl wird zum Brotbacken, als Getreideersatz, Kaffeeersatz, als Verdickungsmittel in Suppen und für andere Kochzwecke sowie als Mastbrühe verwendet [24]
Die korsische Polenta-Sorte (pulenta) wird aus Kastanienmehl hergestellt [24]
Aus Kastanien kann ein Zuckerersatz gewonnen werden [24]
Kastanienflocken werden in Frühstücks-Müslis verwendet [24]
Als Dessert bzw. Süßigkeit werden Kastanien als Grundlage für die Herstellung von Marrons Glacés (glasierten Maroni) sowie zu Vermicelles, Mousse, Soufflé, Creme und Eiscreme verarbeitet. Traditionelle Desserts sind castagnacci (Kastanienbrot), necci (Pfannkuchen), Pudding und ballotte (Kastanien in Fenchelwasser gekocht) [24]
Kastanien als Kuchenfüllung [14]
Kastanien als Beilage zu Marmelade [14]
Kastanienhonig ist bernsteinfarben oder noch dunkler und aromatisch [24]
[Duftpflanze]: Die Blätter werden zu einem kleinen Teil für die Produktion von Aftershave-Lotions verwendet [12][24]
[Kosmetikpflanze]: Aus aufgegossenen Blättern und Fruchtschalen kann ein Haarshampoo hergestellt werden [24]
[Kulturpflanze]: In traditionell bewirtschafteten Kastanienwäldern können verschiedene Pilze geerntet werden, die einen Zuverdienst für die Kastanienbauern darstellen [24]
[Färbepflanze]: Die Blätter werden zu einem kleinen Teil zum Färben von Stoffen verwendet [24]
[Genussmittelpflanze]: In Frankreich und Italien wird aus Kastanien Likör hergestellt, auf Korsika und in der Schweiz ein Bier gebraut [24]
[Materialtechnische bzw. bautechnische Nutzung]:
Hartes wertvolles Holz [12][18]; das Holz ist hell, hart und stark, hat eine Dichte von 560 kg/m³ und wird aufgrund seiner Haltbarkeit bei Bodenkontakt häufig für Außenzwecke wie Zäune verwendet [24]. Da der Faserverlauf meist gerade ist, kann es verhältnismäßig gut gebogen werden; auch nimmt es Politur, Beizen, Lack und Farbe gut an [24]
Das Holz der Edelkastanie fault kaum und ist deshalb für den Schiffs- und Klavierbau begehrt [14]
Holz von Hochwald-Bäumen wird zu Möbeln und zu Fenster- und Türrahmen verarbeitet, aber auch zu Telegraphenmasten u.a. [24]
Kastanien aus Niederwaldkulturen produzieren alle 12-30 Jahre eine gute Ernte tanninreichen Holzes, je nach Verwendungszweck und lokaler Wachstumsrate. Das Tannin macht das junge Holz langlebig und witterungsbeständig für den Außenbereich. Kleinere Hölzer aus dem Niederwald werden zu Gartenzäunen, Pfählen und Weidepfosten, Wein- und Likörfässern verarbeitet (manchmal auch zur Reifung von Balsamico-Essig verwendet) [24]. Das Holz wird außerdem für Eisenbahnschwellen, Decken- und Dachbalken (insbesondere in Südeuropa (z.B. in Häusern in der Alpujarra, Spanien, in Südfrankreich und anderswo) und bei Hang- und Lawinenbauten sowie im Schiffbau eingesetzt [24]
Kastanienschößlinge (3-4-jährig) werden zur Herstellung von Wanderstöcken verarbeitet [24]
[Brennmaterial/Energielieferant]: Das Holz ist auch ein guter Brennstoff, wird jedoch nicht für offenes Feuer empfohlen, da es zum Spucken neigt [24]
[Zierpflanze]: Zierbaum [18]
[Chemietechnische Nutzung]: Die Borke bzw. Rinde wurde in der Vergangenheit zum Ledergerben verwendet [18][24]
[Kulturpflanze]:
Pollendaten deuten darauf hin, dass die erste Ausbreitung von Castanea sativa durch menschliche Aktivitäten etwa zwischen 2100 und 2050 v. Chr. begann. in Anatolien, im Nordosten Griechenlands und im Südosten Bulgariens [24]
In der griechischen Antike wurde die Edelkastanie verbreitet kultiviert. Erwähnt werden Kastanien in den Werken von Jesaja, Homer, Xenophon und Hippokrates. Griechen und Phönizier handelten die Früchte im ganzen Mittelmeergebiet. In Großgriechenland (Magna Graecia), besonders in Kalabrien, wurde die Edelkastanie angepflanzt [24]. Häufig wuchsen Edelkastanien in Hainen als Begrenzung der heiligen Stätten [14]
Der Langobarden-König Rothari führte sie 641 in seiner Liste der geschützten Bäume auf, Ende des 8. Jh. befahl Karl der Große im Capitulare de villis ihren Anbau auf den Königsgütern.
Im 10. Jh. waren die castagnatores eine eigene Form der Bauern. Klöster ließen in vielen Mittelgebirgslandschaften Edelkastanien pflanzen [24]
Vom 16.-18. Jh. stieg der Anbau von Edelkastanien weiter an. Zentren waren die Gebirge der Iberischen Halbinsel, Zentral- und Süd-Frankreich, Korsika, Zentral- und Nord-Italien, Tessin und der Balkan. Unabhängig vom jeweiligen Land ähnelten sich die Kastanien-Kulturen, die von Emmanuel Le Roy Ladurie Internationale der Armut und der Kastanie genannt wurde. Die Kastanie war in diesen Gebieten vielfach die praktisch einzige Nahrungsquelle. Je nach Region wurden ein bis zwei Bäume für die ganzjährige Ernährung einer erwachsenen Person veranschlagt [24]
Ein Rückgang der Kastanienkultur setzte im 19. Jh. mit der Industrialisierung und der beginnenden Landflucht ein, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts setzte die Tintenkrankheit den Beständen zu. Auf der anderen Seite stieg der Export in die Vereinigten Staaten sowie nach Zentral- und Nordeuropa. Dies konnte den großflächigen Niedergang der Kastanienwälder nicht aufhalten, denen zusätzlich Entwaldung und die Gerbstoffindustrie zusetzten [24]
Unter ungarischer Herrschaft vor 1918 waren zahlreiche Kulturen vorhanden [24]
Früher durften mitellose Menschen auf öffentlichem Boden Esskastanien für den Eigengebrauch anpflanzen [14]
In Italien ging die Anbaufläche von 650.000 Hektar 1911 auf rund 250.000 in den 1980er Jahren zurück. Ein weiterer Faktor für den Rückgang war der Kastanienrindenkrebs, dem große Teile der Edelkastanienbestände zum Opfer fielen [24]
Seit der Mitte der 1990er Jahre erholen sich die überlebenden Bestände durch das Auftreten von Hypovirulenz, und augenblicklich wächst die Anbaufläche wieder [24]
[Obstpflanze]: Die Kultivierung als Obstbaum dürfte in der Zeit zwischen 9. und 7. Jahrhundert v. Chr. erfolgt sein im Gebiet zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer. Von hier verbreitete sie sich rasch nach Kleinasien, Griechenland und auf den Balkan [24]
[Düngepflanze]: Traditionell wurden die abgefallenen Blätter als Streu sowohl als Dünger oder Einstreu in Stallungen verwendet [24]
[Lebensmittelpflanze]:
In der griechischen Antike wurden aus Kastanien z.B. in Sparta schwarzes Brot, Mehl und Suppen hergestellt [24]
Bereits in prähistorischer Zeit wurden Kastanien im kaukasisch-armenischen Gebiet gegessen [24]
Römische Soldaten erhielten Kastanienbrei, bevor sie in die Schlacht zogen [24]
Im frühen Mittelalter war die Edelkastanie im südlichen Europa eine wichtige Nahrungspflanze, Kastanien waren zu dieser Zeit jedoch nur ein Grundnahrungsmittel von vielen. Sie wurden frisch und getrocknet, roh oder gekocht, geröstet oder als Mehl gegessen. In Berggebieten war sie besonders im Winter eine wichtige Kohlenhydratquelle [24]
Im 11. bis 13. Jh. intensivierte sich aufgrund des Bevölkerungswachstums der Kastanienanbau in den Gebieten, wo kein Getreide angebaut werden konnte, Kastanien wurden immer mehr das Brot der Armen. Die wichtigste Konservierungsmethode war damals das Trocknen, teilweise durch Räuchern. Auch das Maronenmehl war in der Vergangenheit sehr weit verbreitet und in vielen Gebieten ein Hauptnahrungsmittel. Das Mehl war ein bis zwei Jahre haltbar [24]
Die Kastanien waren früher ein "Notbrot", getrocknet wurden sie zu Mehl verarbeitet und wenn in alten Schriften von "Bauernbrot" die Rede ist, bezieht sich dies auf Gebäck aus Kastanien [14]
Im 12. Jh. kam in der Lombardei das Wort Marroni auf, mit dem Kastanien der besten Qualität, groß, süß, schmackhaft und leicht zu schälen, bezeichnet wurden [24]
Die Tradition des Maronibräters stammt aus den dunklen Jahren der hungernden Bevölkerung, als Esskastanien zwar für den Eigengebrauch angepflanzt wurden, hingegen der Anpflanzer bereits meist schon gestorben war, bevor der Baum nach 30-40 Jahren erstmalig Früchte trug [14]
Vom Mittelalter bis gegen Ende des 19. Jh. war die Edelkastanie in den Bergregionen Südeuropas das Hauptnahrungsmittel der Landbevölkerung, da sie anspruchsloser als z. B. Weizen ist [24]
[Brennmaterial/Energielieferant]: In der Vergangenheit war die Holzkohlenerzeugung und die Nutzung als Feuerholz von großer Bedeutung [24]
[Materialtechnische bzw. bautechnische Nutzung]:
Die Niederwaldwirtschaft der Edelkastanie war traditionell mit dem Weinbau verbunden, das Kastanienholz wurde zu Fassdauben und Stecken verarbeitet [24]
Im kaukasisch-armenischen Gebiet wurde bereits in prähistorischer Zeit das Holz der Edelkastanie verarbeitet [24]
Traditionell wurden die abgefallenen Blätter als Streu oder Einstreu in Stallungen verwendet [24]
Benjamin Busse
14.11.2024